Erleben Sie die Geschichte der Gruschwitz Textilwerke AG

Johann David Gruschwitz

1816 beschloss der Webermeister Johann David Gruschwitz, sich selbstständig zu machen. Im schlesischen Neusalz startete der Jungunternehmer mit einer kleinen handbetriebenen Zwirnmühle – und mit dem Blick für die Marktlücke: Den Schiffern auf der Oder fehlte ein qualitativ hochwertiger Nähfaden zum Nähen der Segel.

Diese Geschäftsidee, gepaart mit unternehmerischem Denken, Know-how und Leidenschaft legte den Grundstein für die Erfolgsstory des „Gruschwitz Leinenzwirns“. Unter Mithilfe der ganzen Familie wurde das Geschäft Jahr um Jahr ausgebaut. Auch ein Großbrand, bei dem das komplette Spinnereigebäude bis auf die Grundmauern zerstört wurde, konnte die Expansion nicht aufhalten.

Es mussten Lohnaufträge vergeben werden und andere Spinnereien wurden übernommen. Verschiedene soziale Einrichtungen, die damals in Deutschland ihresgleichen suchten, wie zum Beispiel eine Krankenkasse, Betriebswohnungen, ein Speisehaus, eine Werksbücherei und ein Unterstützungs-Fonds für invalide Mitarbeiter wurden gegründet. Aus dem ursprünglichen Kleinbetrieb wurde ein Werk mit Weltgeltung.

Bereits 1880 beschäftigte das Unternehmen über 1.500 Arbeitskräfte. Neue Produkte wurden neben dem Leinen aufgenommen – unter anderem Baumwolle und Hanf. Es gelang, die Firma Gruschwitz auf dem Weltmarkt den großen englischen Konkurrenten gleichzustellen. Unter großer Mühe, unerhörtem Einsatz und viel Geschick, wurden die schweren Jahre des ersten Weltkrieges und die Nachkriegsjahre überstanden.

Gruschwitz in Neusalz (Oder)

In den Jahren bis zum Beginn des zweiten Weltkrieges entwickelte sich das Unternehmen kontinuierlich weiter – unter anderem durch Beteiligungen an der Nähfadenfabrik Rhenania AG, Dülken, sowie durch den Erwerb der Duncan’s Leinenindustrie AG, Großschweidnitz/Sachsen.

Der zweite Weltkrieg brachte hier eine große Zäsur. 1945 musste der Verlust aller Gruschwitz-Werke beklagt werden, da sie in der sowjetischen Besatzungszone lagen. 4.000 Mitarbeiter wurden beschäftigungslos und es gab keinerlei Entschädigung. Mit tatkräftiger Mithilfe von einigen wenigen alten Mitarbeitern gelang es Alexander Doherr Gruschwitz, in Neu-Ulm – in zunächst gemieteten Räumen – unter dem Namen Gruschwitz-Textilgesellschaft mbH wieder eine kleine Zwirnproduktion zu eröffnen.

1959 wurde die Gruschwitz-Textilgesellschaft mbH in die Gruschwitz Textilwerke AG umgewandelt. Das gemietete Fabrikgebäude, in dem die Firma seit der Wiederaufnahme der Produktion in Neu-Ulm untergebracht war, konnte 1963 käuflich erworben werden. Neben den Leinenzwirnen wurde die Produktionspalette auf neue, interessante synthetische Materialen ausgedehnt, da die Bedeutung der Naturfaserzwirne laufend zurückging. Gegen das Leistungsvermögen der neu entwickelten künstlichen Fasern konnte Leinen nicht konkurrieren.

Zorn in Leutkirch

Zum 1. Juli 1998 wurde die Filamentzwirnerei Fritz Zorn GmbH & Co. KG in Leutkirch zu 100% übernommen. Die Fritz Zorn GmbH & Co. KG wurde in den 30er-Jahren in der Nähe von Chemnitz zum Zweck der Herstellung von technischen Zwirnen gegründet. Auch dort musste zu Ende des zweiten Weltkrieges die Produktionsstätte aufgegeben werden, da sie ebenfalls in der sowjetischen Besatzungszone lag.

Die Familie Zorn zog nach Wuppertal und begann dort mit einem Garnhandel in Zusammenarbeit mit einer Garnfärberei im Münsterland. Am 7. Februar 1952 wurde am Standort Leutkirch in einem neugebauten Fabrikgebäude die Fritz Zorn KG gegründet. Zum 13. Januar 1976 firmierte das Unternehmen um, in Fritz Zorn GmbH & Co KG. In den 90er-Jahren entschloss sich die Familie aufgrund von fehlenden Nachfolgern das Unternehmen zu verkaufen, was dann mit der Veräußerung von 100% Gesellschaftsanteilen an die Gruschwitz Textilwerke AG gelang.

Gruschwitz heute

Zum 1. Februar 2003 übernahm die Gruschwitz Textilwerke AG ebenfalls 100% der Gesellschaftsanteile an der Lozetex GmbH in Winterlingen. Das Unternehmen ist 1960 unter dem Namen Lorch & Zech GmbH & Co. KG gegründet worden und nach dem Ausscheiden des Gesellschafters Zech 1984 von der Familie Lorch in die Firma Lozetex GmbH Tech-Twists umfirmiert worden. Lozetex ist ebenfalls eine technische Zwirnerei, welche sich auf die Herstellung von Zwirnen aus High-Tech-Materialien spezialisiert hat. Aufgrund der fehlenden Möglichkeiten zur Expansion suchte man einen Partner, der diese Voraussetzungen bieten konnte. Diese Möglichkeiten ergaben sich durch die vorhandenen Platzverhältnisse bei der Fritz Zorn GmbH & Co. KG in Leutkirch. Bereits noch im Jahr 2003 zog die Lozetex GmbH mit dem gesamten Maschinenpark und dem Personal von Winterlingen nach Leutkirch um. Das Gebäude und somit auch der Standort Winterlingen wurden am 31. Dezember 2003 aufgegeben.

Gruschwitz heute

Im Jahr 2004 wechselte die Gruschwitz Textilwerke AG ebenfalls den Standort und zog mit dem kompletten Maschinenpark und dem meisten Personal ebenfalls an den Standort Leutkirch um. Das seit der Gründung in Neu-Ulm genutze Fabrikgebäude konnte zum 1. Oktober 2004 verkauft werden. Am Standort Leutkirch befanden sich nun drei renommierte technische Zwirner, welche unter dem Dach der Gruschwitz Textilwerke AG als Holding zu der Firma Gruschwitz GmbH Tech-Twists zusammengefasst wurden.

Im Oktober 2015 brachte Dr. Philipp Daniel Merckle, Hauptaktionär der Gruschwitz Textilwerke AG, seine Firmenanteile (rd. 94%) in die pdm Holding AG (Neu-Ulm) ein, und beschloss eine Verschmelzung der Gruschwitz Textilwerke AG auf die pdm Holding AG unter gleichzeitigem Ausschluss der Minderheitsaktionäre durchzuführen. Die Hauptversammlung fasste am 31. Mai 2016 entsprechende Beschlüsse, die am 2. August 2016 rechtskräftig wurden. Damit endete die „alte“ Gruschwitz Textilwerke AG. Die einzige operative Tochter, die Gruschwitz GmbH Tech-Twists, wurde im Oktober 2016 in die „neue“ Gruschwitz Textilwerke AG umgewandelt und setzt nun die mehr als 200jährige Firmengeschichte erfolgreich fort.