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Schwäbische Zeitung vom 17. Juli 2004


Wirtschaftsstandort Deutschland

Schumi fährt kein Rennen ohne High-Tech-Zwirn aus Leutkirch

LEUTKIRCH - Daimler-Chrysler droht mit Werksverlegung nach Bremen, Siemens strebt nach Osten oder nach billigeren Lösungen hier zu Lande. Andere Firmen sind längst in Tschechien, Polen, Weißrussland. Die Gruschwitz AG macht es anders: Sie konzentriert Innovation und Pro­duktion auf den Standort Leutkirch.

Von unserem Redakteur Bernd Guido Weber

Eine Firma wie Trigema in Burladingen ist die Gruschwitz-Gruppe nicht. Der Tri­kotagen-Hersteller gilt ja als Beleg dafür, dass bei gutem Willen und entspre­chender Flexibilität auch in Deutschland Massenware gefertigt werden kann. Mit genügend Gewinn, der dem Firmenpatriarchen Grupp sogar für einen eigenen Flieger reicht.
Massenware stellt die Gruschwitz-Gruppe in Leutkirch nicht her, sondern kundenbezogene, spezielle High-Tech-Lösungen. Flexibel müssen die Arbeit­nehmer in Leutkirch derzeit vor allem sein, wenn es um ihre Freizeit geht. Die Auftragsbücher sind proppenvoll, der Betriebsurlaub fällt aus. Das Werk ar­beitet rund um die Uhr. Ab September, wenn Umzug und Umbau auf 26 000 Quadratmetern abgeschlossen ist, lau­fen die Maschinen sieben Tage die Wo­che.
Hier entstehen die Garne für den feuerfesten Rennanzug Michael Schumachers. Hier werden die hochfesten Zwirne gesponnen, ohne die kein Druckschlauch einer Dieseleinspritzan­lage auf der ganzen Welt mehr aus­kommt. Von hier ist der Stoff für die Sitzbezüge des Air-Bus. Hier werden spezielle Fäden für Operationen hergestellt, aber auch richtig teure Spezialgarne für Organtransplantationen, das Kilo für 20 000 Euro. Aus Leutkirch kommen die Materialien für textiles Bauen, etwa für die großen Sonnense­gel in Mekka, dem heiligen Ort der Mos­lems. Oder für Cabrioverdecke.Aus Leutkirch stammen auch Dinge, die mittlerweile zum Alltagsleben gehö­ren: die Materialien für Sicherheits­gurte etwa oder für wasserdichte Nähte in Gortex-Schuhen oder -Jacken. "Wir sind die einzigen, die das können" sagt Gruschwitz-Vorstand Dieter Hiller.
"Wir haben es geschafft, die hiesige Textilindustrie mit neuen Produkten am Leben zu erhalten", sagt Gruschwitz-Vorstand Dieter Hiller ist durchaus selbstbewusst. Der Laichinger ist in der ganzen Welt herumgekommen, hat auch einmal eine Massenfertigung in Tschechien aufgebaut.
Aber Hiller glaubt nicht, dass diese High-Tech-Schmiede irgendwo östlich so gut funktionieren würde wie hier im Allgäu. "Dafür sind wir zu sehr speziali­siert. Und hier sind die Fachkräfte." Ab­gesehen davon sei eine Werksauslage­rung ein zweischneidiges Schwert. "Die Kunden fragen dann: Um wieviel bekommen wir das jetzt billiger?" Der Kos­tendruck in der Automobil-Zuliefe­rungsindustrie ist enorm, in der welt­weit produzierenden Textilbranche ebenso.
Abhängigkeit vermeiden
Von Automobil & Co ist die Gru­schwitz-Gruppe freilich nicht einseitig abhängig, auch wenn dies ein wichti­ges Geschäftsfeld ist. "Wir liefern viele verschiedene Lösungen, die wir direkt mit ganz unterschiedlichen Kunden be­sprechen." Dafür sind die Gruschwitz-Männer auf den Messen in Atlanta, Moskau, Frankfurt und demnächst in Shanghai vor Ort. Enge Kontakte zum Kunden, maßgeschneiderte Lösungen, ein breites High-Tech-Programm, Know-How, das kaum ein anderer hat: Das ist ein Rezept für den Standort Deutschland.

Schwäbische Zeitung, vom 17. Juli 2004